Iboga: Ein neuer Stern am Himmel der Suchtmedizin?

„Iboga“ – den Begriff hörte ich erstmals in einer interessanten Dokumentation auf Arte, die sich mit dessen Einsatz in der Suchttherapie beschäftigte. Sucht ist gerade heutzutage eine der großen Zivilisationskrankheiten, die diverser Lösungsansätze bedarf. Da es sich um ein interessantes Thema handelt und 2 potenzielle Arzneistoffkandidaten „aus Iboga hervorgegangen sind“ dachte ich mir, ich schreibe einmal einen Artikel dazu.
Tabernanthe (Gattung)
„Tabernanthe iboga“ ist der lateinische Name für die Iboga-Pflanze. Der Name „Tabernanthe“ bezieht sich auf die Gattung – Unter „Binäre Nomenklatur“ schreibe ich dazu ein paar Worte mehr. Zuerst zähle ich ein paar Fakten zu dieser Gattung auf.
- Die Gattung Tabernanthe gehört zur Familie der Apocyaneae (Hundsgiftgewächse).
- Die meisten Arten kommen in tropischen Regenwäldern vor, überwiegend in Mittelamerika, Südamerika oder auch Afrika.
- Die Vertreter der Gattung Tabernanthe sind meist Sträucher, Halbsträucher, Kletterpflanzen oder kleine Bäume.
Binäre Nomenklatur
- Unsere Pflanzennomenklatur stützt sich auf die binäre Nomenklatur von Carl von Linnè.
- Die binäre Nomenklatur setzt sich zusammen aus: Gattungsname + Artname. Tabernanthe (Gattung) iboga (Art od. „Art-Epithet“).
- Fakt nebenbei: Die ursprüngliche Systematik von Linnè ist mittlerweile obsolet, da sie weniger auf Verwandtschaften als auf Ähnlichkeiten von Pflanzen beruhte. Diese uralte Nomenklatur aus dem Jahre 1735 ist allerdings auch heutzutage noch hochaktuell. Auch der Braunbär wird mit der Linnè’schen Nomenklatur wissenschaftlich benannt: Ursus arctos
Tabernanthe Iboga

In diesem Abschnitt werde ich etwas spezifischer auf das eigentliche Thema dieses Artikels eingehen. Die Iboga-Pflanze (Tabernanthe iboga).
Tabernanthe iboga ist eine tropische Pflanze und kommt hauptsächlich in Gabun, dem Kongo, Kamerun, Angola und Westafrika vor. Am wohlsten fühlt sich die Iboga-Pflanze an schattigen Plätzen, weshalb man auch sagen kann, dass es sich um „Unterholzpflanze“ (= Pflanze die im schatten eines Baumes steht) handelt. Iboga ist auch feuchtigkeitsliebend, worauf das hauptsächliche Wachstum in sumpfigen Gebieten und an Flussläufen hindeutet.
Merkmale
Ein wohl sehr markantes Merkmal der Pflanze ist die Länge der Blätter, die bis zu 15 cm betragen kann. Die Blätter sind spitz zulaufend. Die Wurzel der Pflanze ist stark verzweigt und die Rinde der Wurzel ist braun. Die Alkaloidgehalt der Wurzel liegt in etwa bei 1%, schwankt jedoch je nach Bedingungen wie z.B. dem Standort. Die Früchte der Pflanze können noch länger als die Blätter sein und zwar bis zu 24 cm.

Die Lebensdauer der Samen ist vergleichsweise kurz und zwar endet deren Keimfähigkeit, sobald sie ausgetrocknet sind.
Rituelle Verwendung
Iboga hat eine halluzinogene Wirkung. Durch diese Wirkung wird es unter anderem auch rituell verwendet, vorwiegend in Afrika.
Anbei ist eine Liste von der rituellen Anwendung des Halluzinogens:
- Der Einsatz von Iboga, um durch die halluzinogene Wirkung „mit den Ahnen in Kontakt zu treten“
- Laut Beschreibungen von Ureinwohnern wird die halluzinogene Wirkung Pflanze auch genutzt, um „Zeitreisen zu unternehmen“
- Wenig überraschend dürfte der Einsatz in der Hexerei sein
Iboga ist nur ein Beispiel von vielen Halluzinogenen, die in der Hexerei eingesetzt wurden. In den sogenannten „Hexensalben“ oder auch „Flugsalben“ waren psychoaktive Pflanzen, wie etwa Tollkirsche (Atropa belladonna) enthalten, um eine bewusstseinsverändernde Wirkung zu erzielen.
Verwendete Pflanzenteile
Eingesetzt werden sowohl die Wurzel als auch die Blätter. Der Einsatz der Wurzel dürfte jedoch der häufigste Fall sein. Die Ernte der Wurzel erfolgt mit einer gewissen Vorsicht, da sie so geerntet werden sollte, dass die Pflanze in der Lage ist, neue Wurzeln zu bilden.
Rituell verwendet wird Wurzelpulver der Iboga-Pflanze in Wasser eingearbeitet und getrunken.
Die Fachbegriffe für die eingesetzten Pflanzenteile wären: Tabernanthe radix (Wurzel der Tabernanthe) und Tabernanthe folium (Blatt der Tabernanthe).
Inhaltsstoffe
Anbei ist eine Liste an ausgewählten Inhaltsstoffen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:
- Iboga-Alkaloide
- Ibogain
- Tabernanthin
- Ibogamin
- Vocangin
- Catharanthin
Hauptverantwortlich für die halluzinogene Wirkung der Pflanze ist das Ibogain, jedoch ist Vocangin wirksamkeitsmitbestimmend.
Ibogain
In diesem Abschnitt werde ich ganz kurz auf historische Punkte von Ibogain und auch das Ibogain an sich ,als auch Risiken eingehen.
Das Potenzial von Ibogain, besser gesagt Ibogain-artigen Verbindungen in der Suchttherapie wird in weiteren Abschnitten abgefasst.
Summenformel von Ibogain: C20H26N2O

- Bereits im Jahr 1864 wusste man um die stimulierende und aphrodisierende Wirkung von Iboga
- Im Jahr 1901 wurde der Hauptwirkstoff von Iboga, das Ibogain erstmals isoliert und untersucht. Dies erfolgte in Frankreich.
Risiken von Halluzinogenen bzw. Ibogain
Ibogain ist ein Alkaloid des Strauches Tabernanthe iboga mit halluzinogener Wirkung. Es ist giftig und ich möchte an dieser Stelle auch ausdrücklich von dem eigenmächtigen Konsum dieses Alkaloids abraten.
Der Konsum von Halluzinogenen Substanzen kann beispielsweise sogenannte „Flashbacks“ zur Folge haben. Ein Flashback ist das erneute Durchleben eines halluzinogenen Rauschzustandes ohne erneutes Einwirken der Substanz und auch nachdem die Substanz im Körper bereits vollkommen eliminiert wurde. Solche Flashbacks können auch 6 Monate bereits nach einmaligem Konsum der Substanz auftreten. Ein ziemlich beängstigendes Phänomen wie ich finde, vor allem da die Ursache solcher nicht wissenschaftlich geklärt ist. Daraus kann man sich auch ableiten, wie die Hilfestellung in etwa aussieht, vor allem, da Antipsychotika hierbei auch nicht zwingend helfen.
Abgesehen von möglicherweise auftretenden angsterregenden Flashbacks kann der Konsum von Psychedelika auch Psychosen begünstigen, vor allem, wenn eine genetische Disposition hierfür vorhanden ist. Von dieser weiß der Konsument meist aber nicht im Vorhinein. Der Konsum könnte somit eine Art „russisches Roulette“ darstellen.
Die Halluzinogene Wirkung des Ibogains könnte auch anderweitig zu Problemen führen. So könnten negative Gefühle verstärkt werden oder Traumata könnten wieder stärker in den Vordergrund rücken, was vor allem für Patienten mit angeschlagener Psyche ein Problem darstellen würde.
Anbei zitiere ich Sinngemäß aus dem Buch von Albert Hofmann, dem Entdecker des Rauschmittels LSD.
Die Nachbarsfrau war auf einmal eine bösartige heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze …
Albert Hofmann: LSD – Mein Sorgenkind
Dies ist neben den anderen Risiken das letzte aufgeführte Argument was gegen einen „Spaßkonsum“ oder eigenmächtigem medizinischem Konsum von Halluzinogenen spricht. Dieser Artikel wurde jedoch hauptsächlich verfasst, da es durchaus ernstzunehmende Arzneistoffkandidaten ohne halluzinogene Wirkung gibt.
Die Wirkung auf das Suchtgedächtnis begründet sich beim Ibogain durch das Einwirken auf den Dopaminhaushalt. Es senkt den Dopaminspiegel und lindert dadurch das Verlangen nach der Substanz. Der Neurotransmitter Dopamin spielt bei der Suchtentstehung und der Sucht an sich eine maßgebliche Rolle – ihm wird auch ein „Belohnungsgefühl“ nachgesagt.
Suchttherapie
Sucht stellt gerade in der heutigen Zeit immer mehr ein Problem dar, man könnte Sucht auch als eine der großen Zivilisationskrankheiten bezeichnen. Die Suchtkrankheit stellt für den Süchtigen selbst als auch für Angehörige eine große Belastung dar. Heroinabhängigen wird Methadon verordnet, doch was wäre wenn man die Sucht anders in den Griff kriegen könnte indem man mittels einer Substanz das Verlangen nach dem Suchtmittel minimieren oder gar ganz ausschalten könnte?
Der potenzielle Kandidat hierfür nennt sich „Ibogain“. Der recht unkonventionelle Weg der Suchtbehandlung mit Ibogain wurde in den USA bereits in Form einer Studie mit diesem Alkaloid erprobt. Bemerkenswert ist, dass es sogar vorgekommen sein soll, dass ein Alkoholiker nach der Gabe von Ibogain kein Verlangen nach der Substanz mehr gehabt haben soll. Das alles klingt schön und gut, fast zu gut um wahr zu sein. Nur wenn man Ibogain hierfür einsetzen würde, so wäre die halluzinogene Wirkung im Weg und es gäbe sämtliche Risiken, die bereits vorher aufgezählt wurden.
Man sollte auch nicht unerwähnt lassen, dass es selbst im klinischen Umfeld während einer Studie zu Todesfällen (Herzstillstand) kam, bedingt durch die Toxizität des Alkaloids. Ibogain ist also nicht risikoarm und hat neben den ganzen negativen Aspekten der Halluzinogene eine geringe therapeutische Breite (=sehr geringer Dosisbereich in dem man ein Arzneimittel anwenden kann).
Ibogain-artige Verbindungen: Doch noch ein Lichtblick?
Der Hauptgrund für diesen Artikel ist, dass ich von zwei Ibogain-artige Verbindungen, die weniger toxisch als Ibogain sind, jedoch trotzdem einen positiven Effekt in der Suchttherapie haben sollen gelesen habe.
18-MC
Der volle Name dieses Moleküls lautet: 18-Methoxycoronaridin.
Die Summenformel für dieses Molekül lautet: C22H28N2O3.

18-MC leitet sich von dem Alkaloid Coronaridin ab, welches strukturell mit Ibogain verwandt ist. Es wurde im Jahr 1996 von Stanley Glick herausgebracht, da Ibogain an sich für die Suchtbehandlung als zu unsicher gesehen wurde. In Tierversuchen zeigte es nicht die Nebenwirkungen des Ibogains (z.B. halluzinogene Wirkung) und es ist auch frei von den den möglichen kardiologischen Problemen einer Ibogain-Einnahme.
Vor allem in dem Bereich Opioidabhängigkeit zeigte 18-MC eine gute Wirksamkeit.
18-Methoxycoronaridin ist ein Alpha-3-Beta-4-Nikotinrezeptor-Antagonist. Er reguliert im mesolimbischen System zu starke Schwankungen von Dopamin. Das Mesolimbische System setzt sich aus dem Mittelhirn (Mesencephalon) und dem Limbischen System zusammen. Das Limbische System ist ein phylogenetisch sehr alter Teil des Gehirns und besteht aus vielen Strukturen. Dieses System spielt vor allem bei: Lernen, Gedächtnis, Emotionen und der Steuerung der vegetativen Nahrungsaufnahme (z.B. Darmperistaltik) eine bedeutende Rolle.
Die letzte Info die ich zum aktuellen Stand ist schon etwas her und zwar vom 28. Juli 2020 und die Klinische Phase 1 ist zumindest abgeschlossen. Die klinische Studie behandelte vor allem das Thema „Opiatabhängigkeit“.
Tabernanth-analog
Tabernanth-analog wie diese Verbindung heißt wird auch mit „TBG“ abgekürzt. Es handelt sich um ein synthetisches Analogon von Ibogain zu dessen Molekülstruktur oder gar Summenformel ich vermutlich aus patentrechtlichen Gründen nichts gefunden habe. Tabernanthanalog wasserlöslich und kann aus Ibogain synthetisiert werden.
Dieses Molekül hat weder die halluzinogenen Eigenschaften von Ibogain, noch den anderen Risikofaktor, der bei einer Behandlung mit Ibogain an sich bestünde: Herzstillstand.
In Tierexperimenten zeigte sich weiters, dass die Versuchstiere ein weniger starkes Verlangen nach dem Konsum von Alkohol haben. Auch im Versuch mit Opiatabhängigen Tieren zeigten sich nach der Gabe von Tabernanth-analog weitaus weniger Rückfälle.
Tabernanth-analog fördert weiters die Bildung neuer Nervenfortsätze.
Die suchtlindernde Wirkung von Tabernanth-analog wird derzeit damit erklärt, dass es die Struktur von Neuronen im Stammhirn ändert, die bei psychischen Leiden wie Depression, Angst, PTBS (Postraumatischer Belastungsstörung) oder eben auch Sucht eine maßgebliche Rolle spielen.
Die Forscher hinter TBG sagen auch, dass sie es für möglich halten, dass die Substanz auch abseits von Sucht medizinisch in der Behandlung von psychischen Leiden wie Ängsten oder Depressionen angewendet werden kann.
Es bleibt spannend, ob sich TBG durchsetzen wird. Zu diesem Molekül fand ich was den aktuellen Stand angeht weitaus weniger Informationen als zu 18-MC.
Schlusswort
Zu guter Letzt kann ich nur sagen, dass ich die möglichen Ansätze im Bereich Sucht sehr interessant finde, vor allem die beiden potenziellen Arzneistoffkandidaten. Leider habe ich im Zuge der Recherchen nicht sehr viel zu dem aktuellen Stand der beiden Verbindungen gefunden, konnte aber immerhin teilweise ein paar informative Details hoffentlich verständlich abfassen.
Neueste Kommentare